Augsburg wandelt sich

Bericht von Patrick Bellgardt, a3kultur, 28. April 2015

Am 22. April startete die neue Veranstaltungsreihe »Stadt im Wandel« mit der Frage »Wie tolerant sind wir?« im Filmsaal des Zeughauses.

»Toleranz, auch Duldsamkeit, ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Umgangssprachlich ist damit heute häufig auch die Anerkennung einer Gleichberechtigung gemeint, die jedoch über den eigentlichen Begriff (›Duldung‹) hinausgeht.« So erklärt uns Wikipedia den Begriff der Toleranz.

Sich zu diesem zu diesem Wert zu bekennen, ist nicht schwer, vielmehr ist es weitestgehend gesellschaftlich erwünscht. Es gibt unzählige Toleranzpreise und Programme – auch Augsburg hat sich in den letzten Jahren am Aktionsprogramm »Toleranz fördern – Kompetenz stärken« mit zahlreichen Projekten beteiligt. Die neueste, Ende 2014 erschienene »Mitte-Studie« der Friedrich-Ebert-Stiftung unter dem Titel »Fragile Mitte – Feindselige Zustände« belegt jedoch erneut: Menschenfeindliche Einstellungen wie Antisemitismus, Rassismus, Homophobie, Behindertenfeindlichkeit etc. sind tief in unserer Gesellschaft verankert.

Die Veranstaltungsreihe »Stadt im Wandel« schlägt zu ihrem Auftakt genau in diese Kerbe: »Wie tolerant sind wir?« Dass das Format neue Wege geht und sich nicht bei schon oft gesehenen Konzepten bedient, wird schnell klar. Gleich zur Begrüßung werden die rund 30 Besucher eingebunden. Mit Klebepunkten können sie Einfluss auf die später diskutierten Inhalte nehmen. An der Wand platzierte Zitate zum Thema Toleranz – von Goethe über Umberto Eco bis Dieter Nuhr – dienen zur Abstimmung.

Zum Auftakt ist der Film »Wie geht Deutschland?« zu sehen. In der rund 25-minütigen Dokumentation stellen Jugendliche, die als minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland kamen, Eindrücke und Erfahrungen ihrer ersten Wochen in Deutschland nach – und geben dabei eine Art Gebrauchsanweisung für Neuankömmlinge in einem unbekannten Land. Im Anschluss stellt Moderatorin Susanne Thoma zusammen mit Reiner Erben (Referent für Umwelt, Nachhaltigkeit und Migration) und Sebastian Schmidt (AWO) den lokalen Bezug her.

Rund 100 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben derzeit in Augsburg. Sebastian Schmidt berichtet aus seiner Arbeit in einer AWO-Wohngruppe. Dabei hat er bislang die Erfahrung gemacht, dass die Kinder und Jugendlichen vor allem im Schulalltag von Mitschülern und Lehrern sehr herzlich aufgenommen werden. Gleichwohl leben viele junge Flüchtlinge in ständiger Ungewissheit. Mit 18 Jahren – dann haben sie die sogenannte Verfahrensfähigkeit erreicht – kann die Abschiebung drohen.

Reiner Erben betont in diesem Zusammenhang nochmals die Notwendigkeit, Schranken und Hindernisse abzubauen, gerade im Bezug auf die Arbeits- und Ausbildungssituation vieler Asylbewerber. Auch aus seiner Erfahrung als langjähriger Geschäftsführer von »Tür an Tür«, weiß der Grünenpolitiker: das Interesse der Wirtschaft ist da. Jeder sollte die Möglichkeit haben, sich selbst sein Auskommen zu erarbeiten. Insgesamt sei die Stimmung in Deutschland nicht mehr so aggressiv wie noch zu Beginn der 90er-Jahre. Gerade in Augsburg, so stellt der Referent fest, sind die Menschen, die die Aufnahme von Flüchtlingen ablehnen, klar in der Unterzahl. Nichtsdestotrotz gilt es die Bürger mitzunehmen – die Vorbereitungen zur Asylunterkunft in der Ottostraße können hier als Negativbeispiel dienen.

Der weitere Abend hält neben mehreren Kurzfilmen zur Diskriminierung von Obdachlosen sowie Sinti und Roma auch Expertengespräche mit Heike Skok (Quartiersmanagement Oberhausen-Mitte und Rechts der Wertach), Chung-Soon Paulus (Koreanischer Verein Augsburg) und Holger Thoma (Volldabei, Initiative für Offenheit und Toleranz) bereit. Die Besucher können sich jederzeit einbringen: Ein Platz auf der Bühne ist für das Publikum reserviert, wer sich zu Wort melden möchte, kann sich direkt in die Runde einklinken.

»Stadt im Wandel«-Kuratorin Susanne Thoma bietet mit ihrem Format bis Ende Juli einen interessanten Querschnitt. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den unterschiedlichen Aspekten einer nachhaltigen interkulturellen Stadt. Es geht um das gute Leben in Augsburg, aber auch um die globalen Dimensionen unserer Lebensweise. Den Rahmen der Veranstaltungsreihe bilden Filme in Verbindung mit Talks und Mitmachaktionen. Als Veranstalter fungieren Transition Town Augsburg, die Werkstatt für urbane Intervention und die Lokale Agenda 21 in Kooperation mit diversen Partnern.

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