Was heißt Toleranz?

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Zur Toleranz bekennt sich fast jeder. Es gibt viele Toleranzpreise und Programme – auch Augsburg hat sich in den letzten Jahren am Aktionsprogramm “Toleranz fördern – Kompetenz stärken” mit zahlreichen Projekten beteiligt. Aber Sexismus, Rassismus, Homophobie, Behindertenfeindlichkeit etc. sind trotzdem tief in unserer Gesellschaft verankerte Diskriminierungsformen.

Historischer Exkurs

Aus dem Lateinunterricht kennen wir noch das Verb “tolerare”, das ertragen, erdulden, aushalten bedeutet. Das verwundert, denn hier benutzt man Vokabeln mit eher negativer Aussage. Toleranz ist also etwas Unangenehmes?
Der Kabarettist Gerhard Polt hat es so ausgedrückt: “Das ist ein uralter Begriff … das kommt daher, wenn ein Mensch früher, wenn sie einen gefoltert haben – und der hat’s überlebt – dann war der tolerant.” Im römischen Sprachgebrauch bezog sich das Tolerieren tatsächlich in erster Linie auf Handfestes wie physische Schmerzen – auch Folter – Naturkatastrophen oder das Erleiden von Unrecht, und nicht auf die abweichende Geisteshaltung etwaiger Mitmenschen.
Im 16. Jahrhundert stand Toleranz für den Gedanken der individuellen Glaubensfreiheit.
Die Kirche benutzte den Begriff in dem Sinne, dass sich die Geistlichkeit fragte, inwieweit andere Glaubensrichtungen zu dulden seien – oder ob man sie mit Stumpf und Stil ausmerzen müsse. Gegenüber Abweichlern und Häretikern in den eigenen Reihen war die Kirche sehr intolerant – ein Vorgehen, das im Vorfeld der Reformation seinen Höhepunkt erreichte.
Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 war Ausdruck des politischen Patts zwischen protestantischen und katholischen Mächten, das erduldet werden musste, um ein gesellschaftliches Zusammenleben zu ermöglichen.

Heute

Mit dem Zeitalter der Aufklärung schwand der Einfluss der Konfessionen und die Weiche für den heutigen Toleranzbegriff wurden gestellt. Heute hat er vor allem eine gesellschaftspolitische Dimension. Die Verwendung des Begriffes Toleranz setzt eine Mehrheit voraus, die eine von ihr als Minderheit wahrgenommene Gruppe und deren Einstellungen, Werte und Gewohnheiten duldet. Somit gilt Toleranz nach wie vor als ein eigentlich unerwünschter Zustand, jedoch mit einem fundamentalen Unterschied: Während Toleranz früher nur eine Zwischenlösung war, das Ertragen eines Zustands, der schnellstmöglich beseitigt werden sollte, gilt Toleranz heutzutage ebenfalls als eine Zwischenlösung – jedoch auf dem Weg zur “Akzeptanz”, also der Annahme bestimmter Gegebenheiten als Selbstverständlichkeit.

Zitate

  • Toleranz ist gut. Aber nicht gegenüber Intoleranten.
    Wilhelm Busch
  • Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt.
    Thomas Mann
  • Um tolerant zu sein, muss man die Grenzen dessen, was nicht tolerierbar ist, festlegen. Umberto Eco
  • Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.
  • Johann Wolfgang von Goethe
    Gleichgültigkeit ist die mildeste Form der Intoleranz.
    Karl Jaspers
  • Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden.
    UNESCO
  • Intoleranz entsteht aus mangelndem Selbst-bewusstsein. Mit Gleichberechtigung kommt eben nicht jeder klar. Wenn die Irren lernen, sich gegenseitig zu respektieren, ist schon einiges erreicht!
    Dieter Nuhr
  • Wer Toleranz für seine Intoleranz einfordert, führt den Begriff natürlich ad absurdum. Nur logisch gibt das der Begriff der Toleranz leider her.
    Christoph Süß
  • Ich missbillige, was du sagst, aber würde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen.
    Evelyn Beatrice Hall

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